Was tun, wenn weit und breit gar keine Schule passt? Wenn ein Kind entweder von vornherein nicht hin will oder nach einiger Zeit dort unter Bauchschmerzen, Kopfweh oder Depressionen leidet beziehungsweise aggressiv wird? In vielen Ländern der Welt ist Homeschooling, zu Deutsch: Hausunterricht, dann ein gangbarer Weg. Eltern, Verwandte oder Bekannte mit unterschiedlichem Fachwissen fungieren als Lehrkräfte, besorgen die Materialien und bereiten die Kinder auf Prüfungen vor. Das Lernen am Computer kann das ergänzen. Einige nutzen auch die Angebote von Fernschulen, die Unterrichtsmaterialien an die Familien schicken und/oder ins Internet stellen, damit jeder, egal, wo er lernen möchte, sich prüfungsrelevantes Wissen aneignen und Schulabschlüsse erwerben kann.

Es gibt aber auch Familien, die jede Art des klassischen Unterrichts für ihr Kind vermeiden. Sie wählen etwas, das Unschooling, Deschooling oder – immer häufiger – Freilernen genannt wird: Sie setzen darauf, dass jedes Kind sich selbst beibringt, was es wirklich wissen muss. Die Erwachsenen stellen Bücher und Material zur Verfügung, bieten eine anregende Lernumgebung, sind zugewandt und greifbar, wenn ein Kind Fragen hat. Doch sie sehen sich nicht als Lehrerinnen und Lehrer.

Der Haken in Deutschland ist: Weder Homeschooling noch Freilernen beziehungsweise Unschooling sind legal. Doch immer mehr Experten sprechen sich dafür aus, dass eines oder beide zugelassen werden sollten – unter gewissen Voraussetzungen. (…)

Wie Deutschland zur Schulpflicht kam

Dass Kinder eine Schulpflicht haben, ist eine deutsche Besonderheit und war nicht immer so. Die aktuell existierende Schulpflicht geht auf die Grundschulpflicht der Weimarer Republik zurück, die 1920 eingeführt wurde – für zunächst vier Jahre. 1938 trat das Reichsschulpflichtgesetz in Kraft, das acht Jahre Schulpflicht umfasste. Nach Ende des zweiten Weltkriegs wurde auf Landesebene geregelt, wie viele Jahre die Schulpflicht umfasst, 1955 folgte eine Harmonisierung der Landesregelungen – um den 6. Geburtstag herum beginnt die Schulpflicht, um den 18. Geburtstag herum endet sie überall. Von der Einschulung kann ein Kind noch relativ einfach ein Jahr zurückgestellt werden, später ist das Leben ohne Schule nicht ohne weiteres möglich. Ob der Verstoß gegen die Schulpflicht nur als Ordnungswidrigkeit gilt oder unter Umständen als Straftat, obliegt den Ländern.

Allerdings gibt es in jedem Bundesland Regionen, wo die Behörden eher wegsehen, wenn ein Kind – das keine Anzeichen von Verwahrlosung zeigt – nicht zur Schule geht. Ebenso gibt es überall Regionen, in denen streng kontrolliert, abgemahnt und gestraft wird. Es gibt mehrere Solidargemeinschaften der Freilerner, die solchen Familien fachkundige Anwälte vermitteln und auch Geld sammeln, um die Familien beim Entrichten der Bußgelder zu unterstützen. In diesen Solidargemeinschaften vernetzen sich ehemalige Freilerner, Eltern mit Freilernern und andere, die mit dem Unschooling sympathisieren, miteinander und organisieren auch gemeinsame Veranstaltungen.

Was aber können Eltern tun, die auf keinen Fall etwas Illegales tun und ihr Kind dennoch nicht zur Schule schicken möchte? Kranke Kinder – auch psychisch belastete Kinder oder solche mit Hyperakusis, die also besonders stark auf Lärm reagieren – können krankgeschrieben werden. Meistens funktioniert das allerdings nur über Wochen bis Monate hinweg. Auch Eltern, die aus beruflichen Gründen viel reisen müssen, Schauspieler oder Schausteller zum Beispiel, können ihren Nachwuchs unter Umständen vom Unterrichtsbesuch befreien lassen. Doch das funktioniert üblicherweise nur einen begrenzten Zeitraum lang. Anhaltende Ausnahmen von der Unterrichtspflicht sind nicht vorgesehen. So gibt es für nicht bettlägerig kranke Kinder Klinikschulen, für Kinder von beruflich Reisenden Stammschulen in verschiedenen Städten und bestimmte Lehrerinnen, die mit den Familien auf Tour gehen.

Es lässt sich trotzdem nicht leugnen: Vielen Jungen und Mädchen wird die Unterrichtspflicht nicht gerecht. „Es gibt einfach Kinder, die von Anfang an klar sagen, ich will nicht in die Schule gehen“, betont Karen Kern, die Familien zu Bildungsmöglichkeiten außerhalb des Schulsystems berät. „Und es gibt Kinder, die in der Schule – egal in welcher – nicht zurechtkommen.“ Oft handle es sich um Kinder aus Familien, in denen von Anfang an großer Wert auf Eigenständigkeit und Mitbestimmung für alle gelegt wurde. (…) Ansonsten erlebt Kern diese Jungen und Mädchen ganz verschieden: mal lebhaft, mal ruhiger, mal forsch, mal hochsensibel, mal mit eher gemütlichem Tempo beim Lernen, mal Gleichaltrigen weit voraus. (…) Manche dieser Familien finden eine private Schule, die ihr Kind formal zwar aufnimmt, aber nirgends meldet, wenn das Kind nie dort erscheint. Weil auch das nicht legal ist, sind solche Schulen handverlesen und kommunizieren Ihr Handeln nicht offen. Interessierte Familien müssen lange fahnden, bis sie solch eine Lösung anbahnen können.

Für Eltern aus Deutschland, die Homeschooling oder Unschooling legal leben möchten, bleibt also zurzeit nur die Auswanderung. In den Nachbarländern Frankreich, Österreich, der Schweiz, Polen, Dänemark und Belgien zum Beispiel gibt es eine Bildungs-, nicht aber eine Schulpflicht. Hier dürfen unter Erfüllung unterschiedlicher Auflagen Kinder fernab von Schulen lernen.

Die in den Freilerner-Organisationen gut vernetzten Familien setzen sich dafür ein, dass Homeschooling und Unschooling auch in Deutschland erlaubt werden – zumal internationale Studien zeigen, dass erstens nur wenige Familien diesen Weg wählen, zweitens die Kinder hinterher beruflich zumeist ihren Weg finden. (…)

 Was macht ein Freilerner den ganzen Tag?

Erst einmal schlafen, so lange es der eigene Biorhythmus erfordert. Dann folgen Aktivitäten, die den eigenen Interessen – und den Impulsen, die die Familie gibt – folgen. Immanuel Wolf, 1987 geboren und in der zweiten Klasse mit Kopfschmerzen und Bauchweh aus der Schule genommen, nennt Beispiele: „Wir hatten Hunde, und wenn ich mit ihnen im Wald spazieren ging, beobachtete ich die Waldameisen. Sie faszinierten mich, also lieh ich mir Bücher dazu in der Bibliothek und fand heraus, wie sie leben, wie sie Säure spritzen, Pilze züchten …“ Seine Lese- und Sprachkompetenz entwickelte sich so weiter. Auch sonst erschloss der Junge sich viel aus Büchern und schmökerte gerne historische Romane. Helfen im Haus und Garten und mit den Tieren, das stand in der Familie mit drei Brüdern regelmäßig auf dem Programm. Die Jungen hatte auch Ankersteine, aus denen sie Häuser, Türme, ja, aufwändige Städte bauten. „Nachmittags waren dann Spiel und Sport mit Freunden dran, wie bei Schulkindern eigentlich auch“, erinnert sich Wolf.

Als er etwas älter war, spielte er nicht nur gerne Schach, sondern drechselte auch die Figuren dafür. „Langweilig war mir eigentlich nur auf langen Autofahrten“, erinnert sich Wolf.

Karen Kern, die drei ihrer fünf Kinder über 10 Jahre beim Freilernen begleitete, erzählt ebenfalls von erfüllten Tagen, die ihre Söhne gut strukturierten. Einer der Jungen begann, Gedichte zu schreiben und sie im Internet zu publizieren: „So lernte er auch, mit teilweise sehr unter die Gürtellinie gehenden Kritik umzugehen.“ Der Faszination für Münzen eines Sohnes folgten der Besuch einer Münzmesse, das Studium der Kataloge dort, den Besuch im Münzmuseum sowie viele Gespräche über die Geschichten hinter den Geldstücken. Aktiv gingen die Jungen im Urlaub auf andere Touristen zu und baten sie darum, mit ihnen Münzen zu tauschen. „Da haben uns viele zu unseren mutigen, tollen Söhnen gratuliert“, erinnert sich Kern. Sie selbst war beruflich lange als Lernbegleiterin an freien Alternativschulen tätig, hat somit den direkten Vergleich und betont: „Eltern sollten den Blick ganz weit weiten, was das Lernen bedeutet. Jeder Mensch lernt von Anfang an und man kann sich nicht nicht bilden.“

Stefanie Mohsennia, deren Sohn die Grundschulzeit als Freilerner verbrachte – legal, weil in Kanada – verrät in ihrem Blog, wie seine Lern-Tage damals aussehen konnten: „Montag: 1,5 Stunden Liste aller Stofftiere aufgestellt (mit Namen und Art) – Deutsch. 0,5 Stunden ,National Geographic World‘ gesehen – Naturwissenschaften. 1 Stunde Taekwon-Do-Training – Sport. 1 Stunde Laden aufgebaut, Verkaufen gespielt (Wechselgeld ausgerechnet, Kassenbon geschrieben) – Mathe, Deutsch. 1 Stunde,Henry Ford – Young Man with Ideas‘ (Childhood of famours Americans) vorgelesen bekommen – Geschichte“, beschreibt sie das Tagespensum des damals Achtjährigen. Nach der Rückkehr der Familie besuchte der Junge eine freie Alternative Schule, die jedoch ihr Konzept änderte, sodass ihr Sohn mit zwölf Jahren wieder zuhause bleiben wollte. Damals habe es Tage mit zu viel Fernsehen und Videospielen gegeben, räumt die Mutter ein. „Die Erfahrung mit der Schule hat wohl vieles kaputt gemacht. Aber er kam da von alleine wieder raus, wurde wieder interessiert und weltoffen und ist es bis heute.“

Werden Kinder ganz ohne Schule eher politisch radikal oder ideologisch verblendet als andere?

Immanuel Wolf hält dagegen: „Die, die heute in der Pegida oder AfD sind, waren alle in der Schule! Um einer Radikalisierung vorzubeugen, bräuchte man andere Bildungs- und Schulstrukturen, als wir sie haben.“

„Wenn Eltern ihren Glauben streng leben und ihre Kinder von andersgläubigen Kindern fernhalten möchten, schaffen sie das auch, wenn die Kinder in eine Schule gehen“, gibt Karen Kern zu bedenken. Sie erinnert an jene Mitglieder von Glaubensgemeinschaften, die außerhalb der Schulzeit dafür sorgen, dass ihre Kinder sich ausschließlich in Familien der eigenen Gemeinde bewegen. Auch komme es ganz offensichtlich trotz des überall vorhandenen Biologieunterrichts dazu, dass Erwachsene die Evolution leugnen. Das Schulsystem bietet, so, wie es jetzt ist, keinen guten Schutz gegen religiöse Verblendung, kritisiert sie.

Stefanie Mohsennia verweist darauf, dass Länder ohne Schulpflicht keinesfalls ein größeres Problem mit Parallelgesellschaften und fanatischen Glaubensgemeinschaften haben als Deutschland hier und heute. „Freilerner sind sicher radikal“, räumt sie ein, „wenn man vom Wortstamm ausgeht – radikal von radix, die Wurzel. Radikal heißt dann: zurück zu den Wurzeln. Aber Freilernen ist nur in dem Punkt radikal, dass wir wieder schauen, was Kinder brauchen und wie wir ihnen gerecht werden können.“

Bedeutet Freilernen automatisch, dass ein Elternteil seine beruflichen Pläne opfern muss?

Karen Kern hält dagegen: „Viele Eltern wollen inzwischen das 50/50-Modell leben und sich Erziehungs- und Erwerbsarbeit gleichberechtigt teilen. Wenn beide Eltern eine Halbtagsstelle haben und sich abwechseln, gibt es mit dem Freilernen kein Problem.“ Aber auch sonst müsse man ein Kind ab dem Schulalter nicht mehr rund um die Uhr beaufsichtigen, Arbeit vom Homeoffice aus sei so möglich.

Stefanie Mohsennia berichtet, dass sie lange die Abend– oder Wochenendstunden nutzte, um arbeiten zu gehen oder Fortbildungen zu besuchen. Ihre Bücher entstanden sowieso zuhause. Beide Expertinnen erklären, dass durch den Wegfall der Hausaufgaben, Schularbeiten und Noten auch sehr viel Druck aus den Familien genommen werde, was den Eltern Energie schenke. Das sieht Immanuel Wolf ebenso. Außerdem erklärt er: „Was mich an Schulen vor allem stört, ist, dass sie so früh anfangen. Da wird der ganzen Familie der Rhythmus vorgegeben.“ Das viele Beieinandersein habe seine Brüder, ihn und die Eltern jedenfalls nicht belastet: „In einer kleinen Stadtwohnung wäre es vielleicht anstrengend gewesen, aber so ging es gut.“ (…)

Was soll nur aus Freilernern werden?

Immanuel Wolf besuchte ab dem Alter von 15 eine Hauptschule, nachdem seinen Eltern angedroht worden war, dass ihnen sonst das Sorgerecht entzogen werde. Den Hauptschulabschluss bestand er spielend, wechselte an die Realschule, schaffte die Mittlere Reife und ging dann bis zur elften Klasse ins Gymnasium. Seine ebenfalls viele Jahre ohne Schule aufgewachsenen Brüder schaffte sogar das Abitur beziehungsweise Fachabitur. Immanuel Wolf engagierte sich nach der Schule viel in der Freilernerszene, z. B. im Bundesverband für Natürliches Lernen! e.V. (BVNL) und als Organisator der Treffen für junge Freilerner Septré. Aktuell ist er einerseits Journalist – er gibt die Freilernerzeitschrift heraus –, andererseits arbeitet er in einer solidarischen Landwirtschaft mit, was ihm ein regelmäßiges Einkommen bringt.

Stefanie Mohsennias Sohn ist jetzt 18, programmiert für andere Internetseiten, verdient sich in einem Bioladen etwas dazu und baut parallel dazu einen alten Transporter zum Wohnmobil aus. Welche Schulabschlüsse, Aus- und Fortbildungen noch kommen werden, ist noch offen – wie bei vielen anderen 18-jährigen auch.

Karen Kerns Söhne haben nach den Jahren als Freilerner unterschiedliche Wege gewählt: Den Hauptschulabschluss bestanden alle. Einer ist gleichzeitig als Berater für landwirtschaftliche Betriebe, Leiter eines Versandhandels und in einem Bioladen tätig. Der andere fand in Frankreich eine feste Stelle als Fachlagerist. Der dritte besuchte ein britisches College und macht nun eine landwirtschaftliche Ausbildung.

In der Landwirtschaft, der Biobranche, als Künstler sowie Unternehmer finden auffallend viele Freilerner ihr Glück, vermitteln internationale Studien zum Thema. Der selbstbestimmte Lebensstil passt vielen langfristig besser als eine Festanstellung mit Aufstiegsmöglichkeiten. Was die Studien aber auch verraten, ist: Arbeitslos und in Sozialhilfe endet nur ein Bruchteil derjenigen, die ganz oder mehrheitlich ohne Schule aufwuchsen. Und ob in Kanada, der Schweiz oder den USA: Freilerner und im Homeschooling Gebildete zeigen sich hochgradig zufrieden mit ihrer Jugend und ihrem aktuellen Berufsleben. (…)

Buchtipps:

  • Karen Kern, Stefanie Mohsennia, Gabi Reichert, Heike Weimer (Hg.): Wir sind so frei. Freilerner-Familien stellen sich vor. Tologo Verlag 2016
  • André Stern: Spielen, um zu fühlen, zu lernen und zu leben. Elisabeth Sandmann Verlag (2. Auflage) 2016.
  • Alan Thomas, Harriet Pattinson, Matthias Kern: Informelles Lernen. Wie Kinder zu Hause lernen. Tologo Verlag 2016.

Auszug aus „Die bestes Schule für mein Kind. Freie Schulen: Waldorf, Montessori und Co. Welches Schulkonzept Ihr Kind frei und glücklich macht“ von Lucinde Hutzenlaub, Dr. Hendrik Lambertus und Petra Plaum (Eden Books, Juli 2017).